April 2026
Geistliches Wort
Eine interessante Entdeckungsreise
Paul Gerhardts Todestag jährt sich zum 350. Mal
Liebe Leserinnen und Leser,
stellen Sie sich mal vor, Sie sind im Gottesdienst und eine Liednummer wird aufgerufen zusammen mit folgender Ansage: „Wir singen die Strophen 1 bis 5, 6 bis 10 und dann noch 11 und 12.“ So haben Sie es vermutlich noch nie erlebt, aber Sie ahnen vielleicht: Es kann sich nur um ein Lied von Paul Gerhardt handeln. Der lebte von 1607 bis 1676; in diesem Jahr 2026 jährt sich sein Todestag also zum 350. Mal. Ein guter Grund also, ein paar Blicke auf diesen Mann zu werfen und eine Lanze für die vielen Strophen seiner Lieder zu brechen.
Paul Gerhardt war – nach langen Studien- und Hauslehrer-Jahren – Pfarrer an verschiedenen Orten: Mittenwalde, Berlin, Lübben. Es war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges; der ist aber mit all seinen Schrecken so gut wie kein Thema in den Liedtexten Gerhardts. Wir erkennen jedoch etwas anderes, wenn wir näher hinschauen: Der Pfarrer-Dichter nahm die Menschen mit ihren beschädigten und geängstigten Seelen in den Blick. Und in Liedern gab er ihnen Antwort – als Prediger wie als Seelsorger. Und beides speiste sich in gut lutherischer Tradition aus dem Wort Gottes.
Es fällt auf, dass in nicht wenigen Liedtexten ein „Ich“ spricht. Dieses „Ich“ markiert aber keine Privat-Meinung des Dichters, sondern ist zu hören als eine Einladung, ganz persönlich zu erfassen und zu erfahren, was für eine lebensverändernde Kraft das Evangelium hat. Insgesamt 130 Liedtexte verdanken wir Paul Gerhardt, die durch Melodien (vor allem von Crüger und Ebeling) zu Liedern wurden. Viele Menschen haben erlebt und können bezeugen, dass gerade auch durch das gemeinsame Singen von Gerhardtschen Liedern der tröstliche Zuspruch des Evangeliums noch mal mehr und stärker den Weg ins Herz findet. Das mögen Lieder zum Kirchenjahr sein, zu den Tagzeiten, Lob- und Danklieder, aber auch Lieder zu „Kreuz und Trost.“
Ach ja, da war noch die Sache mit den vielen Strophen. Die haben durchaus ihren Sinn, denn der Dichter schickt seine Gedanken auf einen Weg. Am Anfang steht eine Frage, ein Problem, eine Not; dann wird nach vielen Seiten hin und mit bisweilen originellen Bildern und Formulierungen entfaltet, was der Glaube dazu wissen sollte. Und am Ende geht (im Bild gesprochen) der Vorhang auf! Der Blick weitet sich in die Ewigkeit hinein, das ewige Zuhause bei Gott. Von dieser Aussicht her bekommen alle Dinge und Erfahrungen im Hier und jetzt ihren Stellenwert. „Das Beste kommt noch“ könnte man sagen – und darf es als Trost annehmen.
Wie wär’s, wenn Sie mal bei Gelegenheit ein Gesangbuch zur Hand nehmen und ein Gerhardt-Lied – vielleicht ihr Lieblingslied von ihm – durchlesen (singen muss nicht sein): „Die Strophen 1 bis 5, 6 bis 10 und dann noch 11 und 12.“ Und dabei wahrnehmen, wie der Dichter Sie an die Hand nimmt, das Evangelium aufschließt und Ihnen am Ende Geschmack auf die Ewigkeit bei Gott macht.
Eine interessante Entdeckungsreise durch Paul Gerhardts Lieder wünscht Ihnen
Ute Zintarra (langjährige ERF Redakteurin i.R. und Kirchenmusikerin)
Seelsorge Königsberger Diakonie
